Waldorf-pädagogik

Worin unterscheiden sich Waldorfschulen überhaupt von anderen Schulen?
Waldorfpädagogik bietet allen Kindern einen Lebensraum an, in dem sie ihre intellektuellen, künstlerischen und praktischen Begabungen in einer lernenden Gemeinschaft entfalten und neue Fähigkeiten erlernen können. Die Anregungen dazu werden immer in altersspezifischer Weise gegeben, wobei die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten jedes einzelnen Kindes besonders behutsam beobachtet und gefördert werden. Vom ersten Schuljahr an lernen Waldorfschüler zwei Fremdsprachen. Jungen und Mädchen stricken, nähen und schneidern gemeinsam in der Handarbeit und sägen, hämmern und feilen zusammen im Werkunterricht. In jeder achten und zwölften Klasse studieren sie ein anspruchsvolles Theaterstück ein und setzen sich in einer großen Jahresarbeit mit einem Thema ihrer Wahl in Theorie und Praxis auseinander. Die Fächer Gartenbau und Eurythmie sind feste Bestandteile des Lehrplans. Vielseitige Pratika wie Landbau- , Vermessungs- , Forst- , Industrie- und Sozialpraktikum, sind in den oberen Klassen fester Bestandteil des Schuljahres.

Muss ein Kind künstlerisch begabt sein, damit es für die Waldorfschule geeignet ist?
Nein, die Waldorfschule ist eine Schule für alle Begabungsrichtungen. Die neuere Hirnforschung hat eindrucksvoll belegt, dass Kinder und Jugendliche durch künstlerisches Üben viele Kompetenzen erwerben, die weit über die unmittelbare Tätigkeit hinausreichen. Wenn WaldorfschülerInnen  malen, zeichnen, plastizieren oder musizieren, geht es daher vor allem um die Schulung differenzierter Wahrnehmungen und die Entfaltung ihres schöpferischen Potenzials; die Begabungen der einzelnen SchülerInnen werden dabei natürlich berücksichtigt. Waldorflehrkräfte sind bestrebt, den Verstand, die Kreativität und die eigenständige Persönlichkeit ihrer Schülerinnen gleichgewichtig zu entwickeln.

Stimmt es, dass es an Waldorfschulen keine Noten und kein Sitzenbleiben gibt?
Auch wenn Waldorfschulen in der Unter- und Mittelstufe auf Noten verzichten, werden die Arbeiten der SchülerInnen selbstverständlich gewürdigt. An Stelle der Noten stehen individuelle Beurteilungen, in denen die Lehrkräfte gleichermaßen auf die Persönlichkeitsentwicklung und die Lernfortschritte ihrer SchülerInnen eingehen. Es zählt also nicht allein der Wissensstand, sondern die Gesamtentwicklung in einem bestimmten Zeitraum. WaldorfschülerInnen lernen von der ersten bis zur elften Klasse in einer stabilen Klassengemeinschaft, unabhängig vom angestrebten Schulabschluss: Niemand wird unterwegs sitzen gelassen.

Ohne Noten und ohne Sitzenbleiben: sind die Kinder dann überhaupt zum Lernen motiviert?
Da der Waldorfunterricht sehr handlungsorientiert und auf die jeweilige Entwicklungsphase der SchülerInnen abgestimmt ist, stellt sich dieses Problem nur selten. Eigeninitiative entwickeln die Kinder und Jugendlichen nicht aufgrund von äußerem Leistungsdruck, sondern aus lebendigem Interesse und persönlicher Begeisterung für die vielfältigen Unterrichtsinhalte. Diese gestaltet die Lehrkräfte kreativ und lebensnah, so dass sie sich an der persönlichen Erfahrungswelt der Kinder orientieren und ihnen eigene Erlebnisse vermitteln. Waldorflehrkräfte bereiten sich auf diese anspruchsvolle pädagogische Tätigkeit an eigenen Seminaren und Hochschulen vor.

Welche Abschlüsse können an einer Waldorfschule gemacht werden?
Alle. Da die einzelnen Bundesländer jeweils eigene Schulgesetze haben, gibt es zwar Unterschiede, aber grundsätzlich gilt, dass an einer Waldorfschule die üblichen staatlichen Abschlüsse erworben werden können: Haupt und Realschulabschluss ebenso wie das Abitur und meistens auch die Fachhochschulreife. Am Ende des zwölften Schuljahres (an einigen Schulen am Ende der elften Klasse) bieten zahlreiche Waldorfschulen einen eigenen Waldorfschulabschluss an, der ihren Schülern Gelegenheit gibt, neben den Prüfungsfächern der staatlichen Abschlüsse ihre individuell erworbenen Kompetenzen zu präsentieren. In den Hamburger Waldorfschulen dient das zwölfte und dreizehnte Schuljahr der gezielten Vorbereitung auf das Abitur.

Ist die Waldorfschule eigentlich teuer?
Es ist ein Prinzip der Waldorfschule, kein Kind aus finanziellen Gründen abzulehnen. Da aber die Zuschüsse an freie Schulen in allen Bundesländern niedriger sind als jene, die staatliche Schulen erhalten, müssen Waldorfschulen Schulgelder von den Eltern verlangen –obwohl sie erwiesenermaßen besser wirtschaften als Schulen in öffentlicher Trägerschaft. Um dennoch allen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen, bilden die Lehrer und Eltern Solidargemeinschaften, die zwar an jeder Schule etwas anders ausgestaltet sind, sich aber immer darum bemühen, die unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten der Familien auszugleichen.

Die Waldorfschulen nennen sich „freie Schulen“. Heißt das, dass die Kinder dort antiautoritär erzogen werden?
Der Begriff „freie Schulen“ bedeutet nicht, dass es keine Regeln gibt, sondern dass diese Schulen eine weitgehende pädagogische Autonomie haben. Waldorflehrerinnen und -lehrer bauen in der Unterstufe ein von „liebevoller Autorität“ geprägtes Verhältnis zu ihren SchülerInnen auf. Kinder suchen ihre Grenzen. Nur wenn sie Grenzen von den Erwachsenen erfahren, fühlen sie sich einerseits sicher und erleben sich andererseits als eigene Persönlichkeit. Im Laufe der Schulzeit wandelt sich das Verhältnis immer mehr zu einer umfassenden Lernpartnerschaft.

Warum haben die Kinder in den ersten acht Schuljahren nach Möglichkeit ein und dieselben Klassenlehrkräfte?
Inzwischen ist wissenschaftlich gut erforscht, dass eine vertrauensvolle Beziehung die wichtigste Basis für das Lernen ist. So können Kinder sich in einer Gemeinschaft, die von Beständigkeit und Rhythmus geprägt ist, gut und gesund entfalten. Um ihnen darin eine verlässliche Stütze zu sein, begleitet eine Waldorf Klassenlehrkraft „ihre“ Klasse nach Möglichkeit sechs bis acht Jahre lang und unterrichtet jeden Morgen mindestens die ersten beiden Stunden eines Schulvormittags. In wechselnden „Epochen“ bringt die Lehrkraft den SchülerInnen jeweils über mehrere Wochen den Stoff unterschiedlicher Themengebieten nahe. Dabei lernt sie ihre SchülerInnen sehr gut kennen und kann individuell auf ihre Stärken und Schwächen eingehen. In der Oberstufe wechseln die jeweiligen Fachlehrkräfte sich im Epochenunterricht ab.

Was ist unter „Epochenunterricht“ zu verstehen?
Während der ersten beiden Stunden eines Schulvormittags arbeiten die SchülerInnen über mehrere Wochen intensiv an jeweils einem Fachgebiet. So haben die Schüler Innen zum Beispiel drei Wochen lang jeden Morgen zwei Stunden Mathematik, Geografie, Deutsch, Geschichte oder ein anderes Hauptfach. Nach einigen Wochen wechselt der Inhalt der Epoche zu einem anderen Thema, sodass die SchülerInnen sich intensiv damit verbinden. Grundfertigkeiten wie Rechnen oder Schreiben festigen die SchülerInnen über den Epochenunterricht hinaus in fortlaufenden Übstunden. Im Anschluss an den Epochenunterricht übernehmen Fachlehrkräfte den Unterricht in Sport, Fremdsprachen, Eurythmie, Religion, Musik und in den handwerklichkünstlerischen Fächern.

Welche Rolle spielen digitale Medien an der Waldorfschule?
Medienpädagogik ist fester Bestandteil im Lehrplan der Waldorfschulen. Sie beginnt zunächst als eine "indirekte Medienpädagogik", bei der die jüngeren Kinder die Welt mit allen Sinnen erfahren und sich kreativ und fantasievoll anhand unterschiedlicher Materialien mit ihr auseinandersetzen. Dabei entwickeln sie ihre Urteilsfähigkeit, die eine notwendige Voraussetzung für den selbstständigen Umgang mit digitalen Medien ist. Diese werden nach umfassenden Erfahrungen mit analogen Medien Schritt für Schritt in den Unterricht eingeführt, wobei neben der praktischen Handhabung vor allem ein echtes Verständnis der technologischen Grundlagen und Funktionsweise des Internets wichtig wird, was in der Oberstufe bis zu Reflexion der weltweiten gesellschaftlichen Wirkungen dieser Technologien reicht.

Wer war Rudolf Steiner und was hat er mit der Waldorfpädagogik zu tun?
Rudolf Steiner ist der Begründer der Waldorfpädagogik. Emil Molt, Besitzer der damaligen Waldorf Astoria Zigarettenfabrik, gründete mit ihm zusammen die erste Waldorfschule in Stuttgart. Inhalt und Methode der Waldorfpädagogik beruhen auf Rudolf Steiners Erkenntnissen über die Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Neben der Pädagogik fanden Rudolf Steiners geisteswissenschaftliche Forschungen auch Eingang in die biologischdynamische Landwirtschaft, die Anthroposophische Medizin und die Kunst.

Werden die Kinder an der Waldorfschule weltanschaulich unterrichtet?
Nein, die von Rudolf Steiner entwickelte Anthroposophie ist eine Erkenntnishilfe für die Lehrer, zu keinem Zeitpunkt aber ist sie Gegenstand des Unterrichts. Die Waldorfschule ist eine überkonfessionelle Schule. Der interkulturellen Waldorfschule kommt es entgegen, dass die Waldorfpädagogik das Allgemein-Menschliche als gleich hohes Gut in allen Kulturen und Religionen ansieht, während sie den Reichtum und die Vielfalt der Kulturen als besonders bedeutsam für die seelische Entwicklung der Kinder betrachtet.  

Was hat es mit dem Fach Eurythmie auf sich?
Eurythmie (wörtlich: guter, auch schöner Rhythmus) ist eine Bewegungskunst, die an Waldorfschulen in allen Klassen unterrichtet wird. Im Unterschied zu gymnastischen, pantomimischen oder tänzerischen Bewegungen, die völlig frei gestaltet werden können, gibt es in der Eurythmie für jeden Sprachlaut und jeden Ton eine ganz bestimmte Gebärde – es handelt sich also um sichtbar gemachte Sprache und Musik. In der Lauteurythmie stellen die SchülerInnen zum Beispiel dar, was in einem Gedicht an Lauten lebt, und in der Toneurythmie, was in den Tonintervallen einer musikalischen Komposition lebt.

Wie werden die Jugendlichen in der Oberstufe auf die Berufswelt vorbereitet?
In der Oberstufe unterrichten in allen Fächern akademisch beziehungsweise handwerklich ausgebildete Lehrkräfte die Jugendlichen. Die praktischen Fähigkeiten, die die Schüler Innen sich über die gesamte Schulzeit hinweg angeeignet haben, finden von der achten Klasse an Ergänzung durch diverse Praktika: In einem Landwirtschafts- und einem Forstpraktikum, einem Feldmess-, einem Betriebs- und einem Sozialpraktikum erhalten die SchülerInnen eine ausgesprochen lebensnahe Ausbildungsgrundlage. Dabei liegt der eigentliche Sinn der Praktika nicht in der Berufsfindung, sondern vor allem im Erlernen wichtiger sozialer Fähigkeiten.

Kommt die Vorbereitung auf die Abschlüsse nicht zu kurz, wenn so viele Praktika stattfinden, Theater gespielt und handwerklich gearbeitet wird?
Es ist richtig, dass diese Aktivitäten zusammen mit dem Lernpensum in manchen Schuljahren eine Herausforderung für die Jugendlichen sind. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Prüfungsleistungen hierunter nicht leiden. Denn die durchschnittlichen Abschlussnoten der WaldorfschülerInnen  liegen mindestens auf dem gleichen Niveau wie bei SchülerInnen von staatlichen Schulen.

Welche Kinder werden an einer Waldorfschule aufgenommen?
Waldorfschulen stehen grundsätzlich allen Kindern offen – unabhängig von Religion, ethnischer Herkunft, Weltanschauung und Einkommen der Eltern. Nach ausführlichen Informationselternabenden findet für jedes Kind ein individuelles Aufnahmegespräch an der Schule statt. Auch in höhere Klassen können SchülerInnen aufgenommen werden.

Zum Schluss…
In dieser Darstellung wurde versucht, die häufigsten Fragen zur Waldorfschule übersichtlich und in knapper Form zu beantworten. Wir haben uns dabei an der Webseite des Bundes der freien Waldorfschulen orientiert. Ausführliche Informationen zur Waldorfschule finden Sie im Internet unter www.waldorfschule.de

http://www.waldorfschule.de/eltern/eltern-und-waldorfschule/#main-content